Die Leiden der jungen Fachkraft

Oder auch „Warum niemand mehr eine Ausbildung machen will“

 

Seit diesem Jahr gehöre ich selber zu den jungen Auszubildenden, die sich dazu entschieden haben eine duale Berufsausbildung zu beginnen. Bis jetzt bereue ich diese Entscheidung nicht und trotzdem ist mir klar, dass ich danach noch an die Uni will.

Doch zuerst mal etwas zu mir und meiner Ausbildung. Ich mache eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau. Eine Branche, die man wohl als eine der sichersten Branchen bezeichnen kann, denn gewohnt wird immer. Und ich habe Glück, es gibt einen Tarifvertrag für Auszubildende in dieser Branche und mein Betrieb hält sich auch an diesen. Das ist keine Selbstverständlichkeit mehr.

Aber warum ist es eigentlich nicht mehr so attraktiv, eine Berufsausbildung zu machen?

Auch ich war vorerst skeptisch – will ich wirklich auf der untersten Hierarchiestufe anfangen? Als billige Arbeitskraft gelten? Will ich diese doppelte Belastung von Vollzeit-Job und Berufsschule oder viel besser, kann ich das überhaupt?

Die Vorteile überwogen dann im Nachhinein. Ich sammle Arbeitserfahrung, verdiene Geld und werde so auch selbstständiger. Ich werde also nach und nach meinen Platz in der Arbeitswelt finden. Danach kann ich mich immer noch weiterbilden und auch an die Uni gehen. Für mich, mit einem eher durchschnittlichen Abitur, ist das ein sinnvoller Weg.

Aber wie findet man sich zurecht als Abiturient, Realschüler oder Hauptschüler?

Das duale Ausbildungssystem war ursprünglich mal dafür ausgelegt, Jugendlichen, die sich in der Uni nicht sehen, eine sinnvolle Alternative zu geben und auch die handwerklichen und kaufmännischen Berufe zu stärken. In der Praxis sieht das aber ganz anders aus. Ich habe 17 Bewerbungen verschickt, und fast jedes Unternehmen wollte ein Abitur als Voraussetzung sehen. Widersprüchlich oder? Wir stecken viel zu sehr in dieser Schiene, dass ein Schulabschluss etwas über deine Kompetenzen aussagt. „Unsere Untersuchungen der bundesweiten IHK-Lehrstellenbörsen zeigen, dass fast zwei von drei der dort angebotenen Ausbildungsplätze den mittleren Schulabschluss als Mindestvoraussetzung haben.“, so Elke Hannack.

Aber warum regt mich das überhaupt auf? Es könnte mir doch egal sein, denn ich hab mich ja durch dieses Abitur gequält. Ob das für jeden der richtige Weg ist, sei mal dahingestellt. Aber so wünscht sich das der Arbeitsmarkt wohl. Aber es geht ja um das Prinzip. Wir beschweren uns, dass es nicht genug Fachkräfte gibt, fördern dies aber auch nicht anständig genug.

In einem Artikel den ich auf der Homepage des DGB-Bundesvorstands gefunden habe, lese ich folgendes:

„Auch im Ausbildungsjahr 2016 haben insgesamt 283.281 junge Menschen, die ein ernsthaftes Interesse an einer Ausbildung hatten – und von der Bundesagentur für Arbeit (BA) als „ausbildungsreif“ deklariert wurden – keinen Ausbildungsplatz gefunden.“

Wie kann es da sein, dass wir in Deutschland einen sogenannten Fachkräftemangel haben? Diese Jugendlichen wollten sich an der Lösung des Problems beteiligen, durften dies aber aus verschiedenen Gründen nicht. Einer davon wird sicherlich auch der Schulabschluss gewesen sein.

Weiter geht es mit:

„Diesen Jugendlichen stehen nur 43.478 offene Ausbildungsplätze gegenüber. Die hohe Zahl an ausbildungsinteressierten Jugendlichen zeigt die Attraktivität der dualen Berufsausbildung. Hier liegt auch enormes Potenzial für die Betriebe, um hochqualifizierte Fachkräfte auszubilden.“

Warte, warte, warte. Ich bin verwirrt. Ich dachte, wir brauchen Fachkräfte? Warum gibt es dann nur so wenige Plätze? Es gibt 330 von der IHK anerkannte Ausbildungsberufe. Es müssten sich also Pi mal Daumen 858 Bewerber für einen dieser Berufe bewerben, damit die Rechnung aufgehen würde. Aber nicht jeder dieser Berufe hat überhaupt so viele Plätze, die angeboten werden können und manche Berufe werden auch viel dringender gebraucht als manch anderer.

450.000 von 2,1 Mio. Betrieben in Deutschland bilden aus (21,3%), davon sind die meisten mittlere und große Betriebe. Nicht alle Betriebe sind nach Art und Einrichtung oder Mitarbeiterzahl geeignet, Jugendliche auszubilden. Aber die IHK scheint da teilweise auch nicht mehr ganz so genau zu sein. Denn auch in meinem direkten und indirekten Umfeld höre ich Geschichten von Azubis, die insgesamt zu fünft im Unternehmen sind – zwei Chefs und drei Azubis. Die IHK genehmigte das. Ist das dann noch ein geeigneter Betrieb? Ich bezweifle es. Aber gut, es ist, wie es ist. Warum bilden also nicht mehr Betriebe aus?

Die DGB Vorsitzende Elke H. sagt zu diesem Problem: „Es birgt sozialen Sprengstoff, wenn zehntausende Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden und die Wirtschaft gleichzeitig über einen vermeintlichen Azubi-Mangel klagt. Um die Lage auf dem Ausbildungsmarkt für die jungen Menschen zu entspannen, brauchen wir in einem ersten Schritt bundesweit mehr als 82.000 zusätzliche abgeschlossene Ausbildungsverträge.“.

Wo sie recht hat, hat sie recht. Für mich als (hoffentlich irgendwann mal) qualifizierte Fachkraft fühle ich mich verschaukelt. Ständig wird sich darüber beklagt, dass die Jugendlichen nicht mehr für die duale Berufsausbildung zu begeistern sind, aber im Umkehrschluss stellt man fest, dass auch eine Großzahl der Betriebe nicht daran interessiert zu sein scheint.

Aber sind wir mal ganz ehrlich, nicht jeder hat so viel Glück wie ich. Nicht nur das die Gehaltsspanne innerhalb eines Ausbildungsberufes immer größer wird, auch die Berufe, die am nötigsten gebraucht werden, gehören eher zu den schlechter bezahlten. Wie soll ich den mit 500€ brutto überleben ohne das meine Eltern mich finanzieren oder ich „Azubi-BaföG“ beantrage? Warum soll ich mich für ein Leben entscheiden, in dem mein Gehalt immer niedriger sein wird, als dass eines studierten Mitarbeiters? Wer entscheidet eigentlich, dass diese auch immer gleich mehr qualifiziert sind?

Was müssen wir also tun, dass diese Fachkräftemangel behoben werden kann?
Wir bräuchten:

  • fairere Bezahlung vieler Ausbildungsberufe, um auch die Existenz der Azubis zu sichern
  • Betriebe, die auch Bewerber aller Schulabschlüsse einstellen, um jedem eine Chance zu geben, egal, wie seine Noten aussahen
  • größere Akzeptanz einer dualen Berufsausbildung in einer Gesellschaft die den Azubi immer zu fragt: „Warum bist du nicht an der Uni? Deine Chancen wären doch viiiiiel besser.“
  • mehr Betriebe müssen sich an diesem dualen Ausbildungssystem beteiligen
  • die genannten Betriebe müssen sich auch bemühen, den Azubis die Fähigkeiten und Kompetenzen auch zu vermitteln, denn schlussendlich wird nur so der Fachkräftemangel auch behoben

Hier findet ihr eine Studie des DGB zu diesem Thema und ein paar Grafiken der Agentur für Arbeit zur Engpassanalyse.

Schreibe einen Kommentar

*